’John Malkovich as Casanova is larger than life’ Hamburger Abendblatt

 

‘Mozart with lightness of touch and wit, musically supremely moving - and genuinely erotic’ Hamburger Abendblatt


’The Giacomo Variations appeals to feelings, makes blood boil, entertains and teaches’
Helsingin Sanomat


’Standing ovations to the soloists, the conductor & the very "vienna-style" playing orchestra’ Åbo Underrättelser

 

Reviews (selection)

 

Wolfgang Amadeus Casanova
John Malkovich is Casanova in "The Giacomo Variations"


"The Giacomo Variations" mit Hollywood-Star John Malkovich an der Staatsoper

Giacomo Casanova hat viel dafür getan, unsterblich zu werden und wurde zum Mythos - genau wie die große Sagengestalt des südlichen Europas Don Juan. Dass der Frauenverführer und Zeitgenosse Wolfgang Amadeus Mozarts mit der Entstehungsgeschichte von dessen Opernadaption "Don Giovanni" zudem auf wundersame Weise verbunden ist, weil er sich zur Zeit der Uraufführung selbst in Prag befand, lieferte dem Autor, Film- und Theaterregisseur Michael Sturminger und seinem musikalischen Co-Autor Martin Haselböck das Material zu ihrem Musiktheater "The Giacomo Variations".

Sicher wäre das unterhaltsame Kammerspiel nicht annähernd so populär geworden, wenn es nicht von einem Hollywoodstar wie John Malkovich in der Hauptrolle gespielt und von so leistungsstarken Partnern wie den Vereinigten Bühnen Wien, den Ruhrfestspielen Recklinghausen und der Elbphilharmonie koproduziert worden wäre. Im Mai erst eröffneten die Ruhrfestspiele Recklinghausen mit der Deutschlandpremiere der "Giacomo Variations" ihr Theaterprogramm. Zur Eröffnung der Sonderkonzerte im Elbphilharmonie-Programm am Montag nun war die Produktion auch in der Hamburgischen Staatsoper zu Gast. Leider nur für eine einzige Aufführung, denn zu Spielzeitbeginn sind die Freiräume im Großen Haus rar und Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter musste sich mit einem Tag begnügen, an dem die Philharmoniker mit ihrem ersten Abo-Konzert in der Musikhalle beschäftigt waren.

Geschickt hatte das Autorenduo Opernszenen aus Mozarts Da-Ponte-Opern "La nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Così fan tutte" mit Anregungen aus Casanovas Weltliteratur-Hit "L'Histoire de ma vie" verknüpft. Wir erleben Malkovich alias Casanova als scheinbar altersweisen Rentner am Hofe des Grafen Waldstein, der aus seinen Sünden wohl lernen will, aber eigentlich nicht mehr kann. Das Unbestimmte, Haltlose und Spontane in Casanovas Leben wird zum Grundmotiv des Stücks, in dem eine Schauspielerin, ein Sänger und eine Sängerin in wechselnden Rollen als fiktive und reale Partner des Lebenskünstlers erscheinen. Da ist der Bariton Florian Boesch, der den Grafen Waldstein ebenso darstellt wie das Alter Ego des müde gewordenen Casanova.

Da sind aber auch die großartige Sopranistin Ingeborga Dapkûnaitë und die Schauspielerin Sophie Klußmann als weibliche Doubles des unsterblichen Übervaters der Liebe und wenig später gleich als dessen Geliebten. Malkovich spielt hinreißend die Lässigkeit und Furchtlosigkeit des alten Mannes vor Misserfolgen und er singt sogar Ensemblearien aus Mozarts Opern ganz passabel. Klar, dass Erotik und Sex die tragenden Elemente des Stücks bleiben, dessen einzige Bühnendekoration drei überdimensionale Reifröcke sind, unter denen sich Casanova und seine Mitspieler immer mal wieder zu eindeutigen und weniger eindeutigen Zwecken verbergen.

Nicht wenig schockierend ist gleich der Anfang, wo Casanova zuckend auf der Bühne zusammenbricht, das Orchester zu spielen aufhört und Bühnenarbeiter einen Arzt für "John" rufen. Der echt wirkende Anfall aber ist ebenso Teil des Spiels wie ein gestelltes Duell mit dem gehörnten Conte am Ende oder der Tod Casanovas, der gleich wieder aufsteht und in seinen Schriften weiterzuleben beschließt. Dass selbst brisante Themen wie Inzest - Casanova liebt und schwängert die eigene Tochter Leonhilda - spielerisch behandelt werden, schafft Angriffsflächen im Konzept dieses Stücks.

Was wir an Casanovas Geist und Philosophie oft bewundern, verwandelt sich in ein abscheuliches Verbrechen. Am Ende löst sich die Gestalt des Liebeskünstlers in sich selbst auf, in dem alle Beteiligten ihr Glas auf die Einbildung erheben.

Die Fantasie schafft Illusion, aber die Fantasie wird eben auch gar zu rasch von der Realität eingeholt. Dirigent Martin Haselböck und sein Orchester Wiener Akademie begleiten in historischer Aufführungspraxis die vielen Mozart-Arien höchst lebendig. Wo aber Dapkûnaitë und Boesch im Bett übereinander herfielen, konnte auch er nicht mehr verhindern, dass die singenden Liebenden in "Cinque, Dieci" mehr als ein Viertel hinterherhinkten.

Die Welt, Helmut Peters (28. September 2011)

 

Malkovich weiß, was Frauen wünschen
John Malkovich is Casanova in "The Giacomo Variations"


Hamburg. War es Zufall oder termingerechte Hommage, dass die x-te Wiederholung des Films "Gefährliche Liebschaften" (1988) über das erotische Ränkespiel unter französischen Adligen des 18. Jahrhunderts Montagabend im NDR lief? Schließlich stand der Darsteller des aasigen Vicomte de Valmont kurz vor Ausstrahlungsbeginn selbst auf der Bühne der Staatsoper, 23 Jahre und eine Weltkarriere älter: John Malkovich, seit damals und noch immer der Verführer vom Dienst.
Und war es Zufall oder höhere Fügung, dass Malkovich dort gerade mal eine Woche nach der Premiere des von Doris Dörrie zugerichteten "Don Giovanni" mit einem unterhaltsamen Opern-Pasticcio auftrat, das einen die materialverschlingenden Unzulänglichkeiten der neuesten Staatsopern-Produktion besonders deutlich spüren ließ? Malkovich spielt in der Wiener Tournee-Produktion "The Giacomo Variations", die sich die Elbphilharmonie-Konzerte für ihre Saisoneröffnung gönnten, den berühmtesten Schürzenjäger: Giacomo Casanova.
Zu Musik aus Mozarts Da-Ponte-Opern entfalten sich hübsche Parallelaktionen aus Casanovas Memoiren und Nummern aus "Figaro", "Don Giovanni" und "Cosí fan tutte". Aus der Not, dass Malkovich zwar glänzend schauspielern, aber trotz heißen Bemühens nicht wirklich singen kann, machte Regisseur Michael Sturminger die Tugend, ihn und seine Schauspieler-Partnerin Ingeborga Dapkunaite durch ein Sängerpaar doppeln zu lassen.
Malkovichs drei Kollegen sangen und spielten eine Vielzahl von Rollen und Casanova-Inkarnationen, er selbst beschränkte sich auf Facetten des gealterten, höchst unruheständlerischen Liebesdieners. Sein Bühnen-Englisch machte es Sprachkundigen leicht, die manchmal arg verknappten deutschen Übertitel zu ignorieren. Ingeborga Dapkunaite spielte das anrührend Schlichte genauso überzeugend wie die komischen Partien. Nach leichten Durchsetzungsschwierigkeiten zu Beginn sang sich Sophie Klußmann mit ihrem schlanken, lyrischen Sopran in die Herzen des Publikums. Bariton Florian Boesch spielte seine buffonesken Rollen aus und sang mit kerniger Musikalität. Martin Haselböcks Orchester Wiener Akademie begleitete leise und doch plastisch; gegenüber der "historisch informierten" Spielweise von Youngs Philharmonikern beim "Don Giovanni" ging von diesem Mozartklang ein Vielfaches an Spiel und Eros aus.
Schade, dass es häufiger mit der Übertragungstechnik haperte - und dass das Ensemble so häufig wohl nicht zusammen auf der Bühne steht. Denn die Inszenierung ist geistreich und gelassen lustig, und sie entlässt nicht mit einer knalligen Pointe, sondern mit einer intimen Lebensabschiedsszene. Herzbewegend bröcklig singt Malkovich schemenhafte Fragmente der Canzonetta "Deh, vieni alla finestra".
Irgendwann ertappte man sich kurz beim Träumen davon, dass es in Hamburg, der Musikstadt in spe, eines Tages eine solche Produktion schafft, anstelle der üblichen Tango- oder Flamenco-Shows als Sommerbespielung in die Staatsoper zu kommen.
Als One-Night-Stand ist sie viel zu schade.

Hamburger Abendblatt, TRS (28. September 2011)

 

Lieben, lachen und leiden mit John Malkovich als Casanova

Der 57-Jährige eröffnet mit dem Mozart-Opern-Pasticcio „The Giacomo Variations" gewitzt und klug die neue Saison der Elbphilharmonie-Konzerte.
Hamburg. Die Bühne, die John Malkovich nicht zu füllen vermöchte, muss erst noch gebaut werden. Sie hätte um ein Vielfaches größer zu sein auch als der imposante Guckkasten der Hamburgischen Staatsoper, auf dem Malkovich am Montagabend zum ungeteilten Vergnügen des Publikums in kompetenter Gesellschaft das Mozart-Opern-Pasticcio „The Giacomo Variations“ aufführte.
Ein Pasticcio ist das Durcheinander von vielem, das ein sinnvolles Neues ergibt, hier: Mozart meets Lorenzo da Ponte meets Giacomo Casanova. Die Trinität frivol-genialer (Lebens-)Kunst wird exemplifiziert an den drei Opern „Le nozze de figaro“, „Don Giovanni“ und „Cosí fan tutte“, die Mozart mit dem Librettisten da Ponte schrieb, und gekreuzt mit Casanovas Lebensbeichte „L’histoire de ma vie“. Die Summe dieser Teile ergibt „The Giacomo Variations“: eine verwegen anspielungsreiche, dabei freie, weil so zuvor nicht existente Spielvorlage.
John Malkovich als Casanova ist larger than life; er gewinnt diese Größe durch Präzision und Untersteuerung. In der intelligenten, gewitzten Inszenierung von Michael Sturminger, der auch das Buch schrieb (und Malkovich im Vorjahr mit der Frauenmörder-Paraderolle als Jack Unterweger in „Infernal Comedy“ ins Hamburger Schauspielhaus führte), entfaltet Malkovich die maliziöse Kraft des Verführers im Hauptberuf, die man von ihm kennt und erwartet. Manchmal schreit er auch so liebestyrannisch wie als Vicomte de Valmont in „Gefährliche Liebschaften“. Darüber hinaus aber gibt Malkovich, inzwischen 25 Jahre älter als in seiner legendären Kinorolle, der Figur des Casanova eine federleicht gespielte Alterstragik, die selbst Frauen und hartgesottene Frauenversteher mit atmen, mit lachen und mit leiden lässt.
Zur Begleitung des Orchesters Wiener Akademie (Leitung: Martin Haselböck), das nicht in jedem Takt wunschlos glücklich macht (weil es manchmal sanft wackelt), aber mit sehr viel Feinsinn und Herz agiert, treten neben Malkovich die Schauspielerin Ingeborga Dapkunaite und die Sänger Sophie Klußmann und Florian Boesch. Sie doppeln die beiden Schauspieler in ihren Rollen. Frau Klußmann singt vor allem nach der Pause wunderschön und mit anrührender Musikalität, auch Boesch macht seine Sache musikalisch sehr gut und nimmt mit Witz und Selbstironie für sich ein. Am selben Ort, an dem man vor gerade mal einer Woche den zähen, hölzernen und peinigend vordergründig sexualisierten „Don Giovanni“ von Doris Dörrie erlebte, zeigte die Saisoneröffnung der Elbphilharmonie-Konzerte 2011/12, dass Mozart auch anders geht: mit Leichtigkeit, Esprit, musikalisch äußerst beweglich - und genuin erotisch.

 
Tom R. Schulz, Hamburger Abendblatt (27. September 2011)


Musical Journeys - Vienna "The Giacaomo Variations"
Premiere The Giacomo Variations - John Malkovich is Casanova


Did the infamous seducer and polymath Giacomo Casanova have a hand on writing the libretto for Don Giovanni? That tantalising question was the creative seed for The Giacomo Varitaions, a self-described "chamber opera play" that had its premiere in January at Vienna's Ronacher Theater and starred John Malkovich as Casanova.
Conceived by writer.director Michael Sturminger and conductor Martin Haselböck, the evening interspersed scenes dran from Casanova's memories with music from Mozart and Lorenzo da Ponte's three operas.
This show reuinted director, conductor and actor, who previously collaborated on The Infernal Comedy, a production about the Austrian serial killer Jack Unterweger. "It originated with (Haselböck)'s idea of bringing to life the late-18th-century tradition of melodrama", explained Sturminger, referring to a genre that combined spoken declamation with backround music." The play will be seen in Australia, Russia, Finnland, France and Germany later this year.
Amid the elegant sets and costumes, the musical scenes developed sometimes startingly out of the dramatic ones. And director and conductor had taken pains to find dramatically appropriate points of entry into the music.
Appearing alongside John Malkovich was the elegant Lithuanian actress Ingeborga Dapkunaite as the writer Elisa von der Recke. As Elisa pleads with Casanova to publish the story of his life, the ageing chevalier relives his exploits in a surreal series of operatic flashbacks, which feature two dramatically versatile young singers as Casanova and Elsa's musical doppelgängers (soprano Klußmann and baritone Florian Boesch). And there was attentive work from the period-instrument ensemble Orchester Wiener Akademie.
One of the evening's biggest surprises was hearing Malkovich sing.
He crooned with a lilting voice taht was also surprisingly accurate. His performance brought to mind the long tradition of non-singing actors taking on singing roles and in Vienna of all places, the Zauberflöte librettist Emanuel Schikaneder, who also starred as Papageno. "John would easily sing Papageno if he wanted to" said Sturminger. "You don't need to have a lyrical voice. You need a character. I think it's something really wonderful because it brings air into this bel canto and opens it up because it makes more direct."

Gramophone, AJ Goldmann (01. März 2011)